Zeitzeugengespräch mit Holocaust-Überlebender

Henriette Kretz erzählt in der Friedrich-Dessauer-Schule die Geschichte ihrer Familie


(Foto: Lanz/Bistum Limburg)

Sie hat als Kind miterlebt, wie deutsche Soldaten ihre Eltern erschossen haben. Da war Henriette Kretz acht Jahre alt. Zuvor konnte sich die jüdische Familie vor den Nazis auf dem Dachboden einer nicht-jüdischen Familie in der polnischen Stadt Sambor verstecken. Am Dienstag, 25. April 2017, war Henriette Kretz als Zeitzeugin zu Gast in der Friedrich-Dessauer-Schule in Limburg. Die 82-jährige Holocaust-Überlebende erzählte vor 200 Schülern von ihrer zunächst glücklichen Kindheit in Polen, dem Überfall auf Polen, den Umzug der Familie in ein Ghetto und von der Ermordung ihrer Eltern: „Ich erzähle Ihnen die Geschichte einer Familie, meiner Familie“, beginnt die zarte Frau ihren Vortrag. Seit fast zwanzig Jahren ist die pensionierte Lehrerin, die in Antwerpen lebt, als Zeitzeugin an Schulen unterwegs.

Als sie von Verfolgung, Krieg, Deportationen, Todesangst und Einsamkeit berichtet, ist es sehr still in der Aula. Den Tag, an dem sie entdeckt wurden, schilderte die 82-Jährige eindringlich. „Ich kann mich heute manchmal nicht erinnern, was ich am Tag zuvor gegessen habe, aber hier erinnere ich mich an jedes Detail.“ So schildert sie das Geräusch der Stiefel auf der Dachbodentreppe. „Wir wussten, dass wir entdeckt wurden. So spät kam üblicherweise niemand mehr zu uns auf den Dachboden“. Ein einziges Wort folgte: „Juden?“. Als die Soldaten die Familie mitnahm, schrie ihr Vater auf der Straße, dass sie laufen solle. Sie hörte noch Schüsse, die Schreie ihrer Mutter und wieder Schüsse. Und sie lief weiter. Zunächst versteckte sie sich in Büschen, am nächsten Tag lief sie ans andere Ende der Stadt zu einem von Franziskanerinnen geführten Waisenhaus: „Es war der einsamste Weg meines Lebens“.

Dem Mut von Schwester Zelina verdankte sie ihr Leben. Sie versteckte in ihrem Waisenhaus mehrere jüdische Kinder. Und so begrüßte sie das achtjährige Kind mit den Worten: „Hier bist du in Sicherheit“. Hass, Ausgrenzung und Verurteilung löschten fast ihre gesamte Familie aus. Sie selbst aber will nicht hassen, trotz oder gerade wegen ihrer Biographie. Sie hat ihr Vertrauen in die Menschheit nicht verloren. Es sei schon gerettet worden durch die polnische Familie, die ihnen geholfen und sie versteckt hatte, erzählt sie. Diese Menschen seien in ihren Augen Helden.

„Sie sind jung. Sie machen die Welt!“

Bei den vielen Fragen der 16- bis 21-jährigen Schüler ging es um Hass und um Krieg, zum Beispiel auch in Syrien. Auf die Frage, was sie später mit ihrem Leben gemacht habe, antworte sie zunächst: „Ich lebte.“ Eine angesichts ihrer Geschichte vielsagende Antwort. Und sie fügt lächelnd hinzu, wohlwissend, dass der Schüler eine andere Antwort erwartete: „Ich bin Lehrerin geworden. Für eine Ärztin war ich zu faul“.

Sie ermutigte die Schüler zu Respekt, Toleranz und Gerechtigkeit: „Sie sind jung. Sie machen die Welt!“ Zum Abschied wollte sie keinen Applaus: „Ich bin ja nicht Lady Gaga“. Die Aufmerksamkeit ihrer jungen Zuhörer war ihr Dank genug. Ihre Motivation weiterzumachen, ist ihrer Hoffnung auf eine bessere Zukunft geschuldet: Die Vergangenheit könne man nicht mehr ändern, die Zukunft aber schon. Den Schülern wünschte sie ein Leben in Frieden und eine Zukunft ohne Hass, Ausgrenzung und Verurteilung.

Den Kontakt zwischen Henriette Kretz und der Friedrich-Dessauer-Schule hatte Dr. Marc Fachinger hergestellt. Der Leiter des Amts für katholische Religionspädagogik in Limburg war selbst lange Zeit an einer beruflichen Schule Lehrer und hat gute Erfahrungen gemacht mit Zeitzeugen-Gesprächen. Mitorganisiert hat den Besuch dann Religionslehrer Helmut Laukötter. Er betrachtet das Gespräch als gute Chance, die Schüler aus lebensnaher Perspektive für Geschichte zu sensibilisieren. „Gerade weil alle meine Schüler, wenn man sie fragt, was ihnen wichtig ist, zuerst die Familie nennen, ist hier die Geschichte der Familie Kretz im Zeitzeugengespräch keine bloße Sache mehr, sondern existentiell“, erklärte Laukötter.

Hintergrund: Von Stanislawów nach Antwerpen

Henriette Kretz wurde am 26. Oktober 1934 in der damals polnischen Stadt Stanislawów (heute Iwano-Frankiwsk in der Ukraine) geboren. Seit 1935 lebte die jüdische Familie in der Nähe von Opatów im südöstlichen Polen, wo ihr Vater als Arzt tätig war. Ihre Mutter war Anwältin von Beruf, widmete sich aber ganz der Erziehung der Tochter. Nach dem Überfall auf Polen im Herbst 1939 floh die jüdische Familie vor den heranrückenden Deutschen. Henriette Kretz kam mit ihren Eltern zuerst nach Lemberg und bald darauf ins benachbarte Sambor. Ihr Vater wurde Direktor eines Sanatoriums für tuberkulosekranke Kinder. 1941 wurde die Familie aus ihrer Wohnung vertrieben. Sie musste in einen jüdischen Stadtbezirk umsiedeln, wo kurze Zeit darauf ein Ghetto eingerichtet wurde. Mehrmals gelang es ihrem Vater, seine Familie vor der Erschießung zu retten und aus dem Gefängnis zu befreien. Immer wieder mussten sie sich verstecken. Henriette Kretz` Eltern wurden von deutschen Soldaten erschossen. Sie selbst überlebt den NS-Terror dann in einem Waisenhaus. Nach dem Krieg kam sie auf Umwegen nach Antwerpen, studierte Kunstgeschichte und wurde Lehrerin für Französisch in Israel, wo sie insgesamt 13 Jahre lang lebte. 1969 kehrt sie nach Antwerpen zurück. Henriette Kretz ist verheiratet, hat zwei Söhne und vier Enkel.

Mitglied des Vereins „Kinder des Holocaust“

Henriette Kretz ist Mitglied des polnischen Vereins „Kinder des Holocaust“, dem Juden angehören, die als Kinder den NS-Terror meist in Verstecken überlebt haben. Informationen zu dem Verein gibt es auf der Internetseite: www.holocaustchild.org. (fl)

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